Domino fatal
Ein Schicksalsschlag kann eine Kettenreaktion auslösen, an deren Ende die Obdachlosigkeit steht. Die Krise erhöht diese Gefahr und stellt das soziale Netz auf die Probe. Ein Revue-Journalist begab sich an den Rand der Gesellschaft.
Text: Stefan Kunzmann
stefan.kunzmann@revue.lu
Fotos: Patrick Galbats
Über dem Wäschekorb lockt der Strand. Das Plakat im ersten Stock des «Foyer Ulysse» wirbt für das Training eines Straßenfußballteams. Dessen Ziel ist es, sich für die Weltmeisterschaft der Obdachlosenmannschaften in Rio de Janeiro zu qualifizieren. Kicken an der Copacabana – das klingt gut. Es darf geträumt werden, auch im «Foyer Ulysse», wo ich gelandet bin.
Ich habe mir eine Schicksalsgeschichte ausgedacht, um in dem Obdachlosenasyl in Bonneweg aufgenommen zu werden. Wie ein Jahr zuvor, als ich mich in der Vorweihnachtszeit zum Betteln auf die Straße begab (Revue Nr. 03/2009), versuche ich mich in die Rolle eines Menschen hinein zu versetzen, der alles verloren hat: Job, Wohnung, Familie. Angesichts der Temperaturen unter dem Gefrierpunkt ist mir alles andere als weihnachtlich zu Mute. Ich friere, meine Kleider sind feucht vom Schnee. Der Wind treibt mir die Flocken ins Gesicht.
Mit dem Traum vom romantischen Vagabundendasein hat die harte Realität der Ausgegrenzten nichts zu tun. Als Jugendlicher träumte ich vom Leben «on the road» und schlief auf Reisen unter Brücken, an Bahnhöfen und in Parks. Ein Tramp auf Zeit, in der Tasche das Ticket zurück in die Gesellschaft. Auch jetzt kann ich meine Aktion jederzeit abbrechen. Für die meisten Menschen, die aus sozialer Not «sans domicile fixe» (SDF) leben, ist das Rückreiseticket in weiter Ferne. Kaum jemand wählt aus freien Stücken die Obdachlosigkeit. Wer wirklich auf der Straße lebt, hat mit vielen Problemen zu kämpfen – und mit dem Gefühl, perspektivlos und von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein.
Den Nachmittag verbringe ich im Café Treffpunkt der «Stëmm vun der Strooss» bei leckerem Essen und, wie ich finde, in einer ziemlich familiären Atmosphäre. In der Kleiderstube suche ich ein paar Handschuhe. Von der Direktionsbeauftragten Alexandra Oxacelay erfahre ich, dass die Zahl der Bedürftigen zuletzt gestiegen sei. «Vorher hatten wir etwa 80 Leute pro Tag hier», sagt sie. «Heute sind es im Schnitt 110.» Darunter seien zunehmend jüngere Leute, bestätigt Oxacelay. Mit der Krise hat nicht nur die Jugendarbeitslosigkeit rasant zugenommen, sondern auch die Wohnungsnot. Immer mehr Menschen können die hohen Mieten und Kautionen nicht mehr bezahlen. Jeder achte Einwohner Luxemburgs lebt mittlerweile am Rande der Armut. Unter 25 Jahren erhält man keinen «revenu minimum garanti» (RMG), und wer nicht lange gearbeitet hat, bekommt kein Arbeitslosengeld. Viele der betroffenen Jugendlichen stammen aus zerrütteten Familien, erlebten Gewalt und haben weder Ausbildung noch Schulabschluss. Oftmals sind Drogen im Spiel.
Um 17 Uhr schließt die Stëmm ihre Pforten, im Schneetreiben mache ich einen Abstecher zu den Containern der «Nuetseil». Es ist die Unterkunft für Drogenabhängige, wo sich auch die Fixerstube befindet. Doch nicht nur Junkies kommen in der «Nuetseil» unter. Neuerdings ist am Eingang der Fixerstube mit Nachtfoyer ein Drehkreuz angebracht. Das Rein- und Rausspiel der Gesellschaft, denke ich, wer einmal draußen ist, kommt schwer wieder hinein – dieses Mal umgekehrt. Organisationen wie die Stëmm, die Jugend- an Drogenhellef und «Caritas Accueil et Solidarité asbl» (CAS) haben sich die Wiedereingliederung der Outcasts zum Ziel gesetzt. Für Drogenprobleme ist das Gesundheits-, für die Obdachlosen das Familienministerium zuständig. Noch nicht lange gibt es eine mobile Ambulanz, denn viele Betroffenen haben gesundheitliche Probleme. Was bisher fehlte, war eine gemeinsame Strategie, eine Koordination. «Agir ensemble pour l’inclusion» lautet der CAS-Slogan. Für die meisten besteht der Alltag am Rande der Gesellschaft aus dem Pendeln zwischen den einzelnen Hilfseinrichtungen. Was an den Wochenenden schwieriger ist. Dann sind die Anlaufstellen der Stëmm in Esch und Luxemburg abwechselnd nur ein paar Stunden geöffnet.
Ich drücke die Klingel der «Téistuff» und werde hinein gelassen. Wie das Foyer im selben Gebäude in Bonneweg wird sie vom CAS betrieben, das über mehrere Einrichtungen verfügt. Die Teestube ist nicht nur für Obdachlose, sondern für Menschen, die trotz eines festen Wohnsitzes isoliert leben, abgeschnitten von der auf Konsum basierenden Wohlstandsgesellschaft. «Ich führe das Leben eines Eremiten», sagt mir ein Mann. Sein Tischnachbar dämmert vor sich hin, während sich zwei andere auf ihr Schachspiel konzentrieren. Ich bin müde und ausgelaugt. Spätestens das aggressive Summen des Türöffners reißt mich aus meiner Lethargie. Ich frage einen Caritas-Mitarbeiter, ob ein Bett frei sei. Er rät mir, ich solle mich um 19 Uhr am Empfangsschalter melden, wenn das Foyer öffnet. 
In der «Téistuff» trinke ich Gratiskaffee und spreche mit Malik*. Der 39-jährige Marokkaner lebte lange Zeit in Spanien. Als dort die Krise zuerst den afrikanischen Saisonarbeitern und Papierlosen die Jobs kostete, zog er nach Norden. Malik wirkt illusionslos. «Du hast einen EU-Pass», sagt er zu mir, «damit kriegst du leicht einen Job.» Seine Suche war vergeblich: ohne Schengen-Visum keine Aufenthaltserlaubnis, ohne feste Bleibe keine Arbeit. Ein Mann mittleren Alters gesellt sich zu uns. «Ich habe zwar eine Wohnung, aber den ganzen Tag nichts zu tun», sagt er. Zwei Mal sei er verheiratet gewesen. Die Scheidung von der einen Frau und der Tod der anderen warfen ihn aus der Bahn. Er begann zu trinken, verlor seinen Job und seine sozialen Kontakte. Die klassische Mixtur von Ursachen. Häufig sind es persönliche Schicksalsschläge wie der Verlust des Partners, der Familie oder der Arbeit, die am Anfang eines Abstiegs stehen. Der soziale Rückhalt geht verloren – ein Dominoeffekt ins soziale Abseits.
Eine Gruppe von vier Drogenabhängigen schwankt in die «Téistuff» herein. Kaum einer kann gerade stehen. Einer der Junkies beginnt mit einem Bewohner des Foyers zu streiten. Der alte Mann zittert. Er riecht nach Schnaps. Auf seinem Kopf trägt er eine Nikolausmütze mit der Jahreszahl 2010 in blinkender Leuchtschrift. Eine junge Sozialarbeiterin besänftigt die Streithähne. Gelegentlich komme es wegen Banalitäten zu Aggressionen, sagt sie mir später, vor allem wenn die Beteiligten betrunken oder unter Drogen stehen. Die Verstöße werden streng geahndet: Wer mit Alkohol erwischt wird oder wer randaliert, wird aus der Einrichtung verwiesen und bekommt ein – zeitlich befristetes – Hausverbot aufgebrummt.
Für die Wintermonate einigten sich die Auffangstellen wie das «Ulysse» oder die «Nuetseil» darauf, jeden aufzunehmen – gleich, ob unter Drogen- oder Alkoholeinfluss, Luxemburger oder nicht. «Wegen der Kälte», erklärt der Beträuer, der mich in sein Büro bittet. Er will meine Aufenthaltsgenehmigung sehen. Ich zücke meine «carte de séjour». Zumindest für eine Nacht könne ich bleiben, sagt er. Am Morgen danach würde sich eine Sozialarbeiterin um mich kümmern. Geduldig hört er sich an, was ich erzähle, und füllt ein Formular aus. Scheidungsfall, Rauswurf aus der Wohnung, Jobverlust – meine Abstiegsgeschichte klingt glaubwürdig. Der CAS-Mann drückt mir einen Schlüssel in die Hand und bittet seine Kollegin, mir mein Bett zu zeigen. «Sie haben Glück, dass sie in einem Zweierzimmer übernachten», ruft er mir nach.
Vor dem Empfangsschalter warten ein junger Mann, der apathisch an die Wand starrt, und eine ältere Frau, die mehrere Kleidungsstücke übereinander trägt und neben einem riesigen Rucksack sitzt. Sie führt Selbstgespräche. Die junge CAS-Angestellte, die kurz vorher den Streit geschlichtet hat, gibt mir zwei Handtücher, Shampoo und Duschgel. Ich helfe ihr, einen Sturzbetrunkenen die Treppe hoch zu führen und in ein Zimmer zu bringen, wo bereits mehrere Personen schlafen. Wir legen ihn auf sein Feldbett. Dann führt mich die junge Frau zu meinem Zimmer im ersten Stock. Die Tür ist geöffnet. An einem Tisch sitzt ein Mann mittleren Alters und schreibt einen Brief. Während ich meinen Rucksack in den Schrank stelle, rät er mir gut abzusperren. «Hier klauen sie wie die Raben», sagt er, «die kommen sogar rein, während man schläft.» Ich verabschiede mich in den Fernsehraum.
Dieser dient zugleich als Raucherzimmer. Ein Dutzend Leute hat sich darin versammelt. Eine gewaltige Dunstglocke schwebt über den Köpfen. Zwischen zwei Portugiesen entwickelt sich eine lautstarke Meinungsverschiedenheit. Die Tür geht auf, und ein Uniformierter von der zuständigen Sicherheitsfirma betritt den Raum. Er fordert die beiden Streithähne in einem militärisch anmutenden Tonfall zur Ruhe auf. Kurze Zeit später kommt der Wachmann wieder herein, dieses Mal mit einem der Betreuer. Die beiden reden auf ein paar Bewohner ein, die eine Flasche Wein ins Haus geschmuggelt hatten, obwohl jeder weiß, dass im Foyer absolutes Alkohol- und Drogenverbot herrscht. Die Flasche ist bereits leer, als sie konfisziert wird. Die Ertappten müssen dem Betreuer nach draußen folgen. Ich verlasse den zugequalmten Raum.
An einem Tisch im Flur unterhält sich ein junges luxemburgisches Pärchen mit einem Inder, der ein Heft mit Französischvokabeln vor sich liegen hat. Ich erfahre, dass der Luxemburger und seine Freundin zu zweihundert Stunden gemeinnütziger Arbeit verdonnert wurden. Einen Wohnsitz haben sie nicht. «Es ist besser zu arbeiten als in den Knast zu wandern», sagt der junge Mann im Jogginganzug. Bis Mitte zwanzig habe er einen festen Job in einem großen Unternehmen gehabt, dann hätten seine Drogenprobleme überhand genommen. «Jetzt bin ich clean», betont er. Er küsst seine Freundin. Beide gehen schlafen. Für Privatsphäre bleibt einem SDF nur wenig Raum: In den meisten Zimmern schlafen vier oder mehr Personen. Und die Überwachungskameras sind überall.
Der Inder büffelt weiter seine Vokabeln. Dann überkommt ihn die Mitteilungsfreude. In Neu Delhi habe er Kopiermaschinen verkauft, bevor er sein Glück in Europa versuchte. Das Glück blieb aus, und seine Frau warf ihn wegen eines anderen aus der gemeinsamen Wohnung. «In meinem Land war ich jemand, hier bin ich nichts», sagt er. Nach dem Gespräch lege ich mich schlafen. Vorher schaue ich noch aus dem Fenster, von dem aus ich den hauptstädtischen Bahnhof sehen kann. Es hat zu regnen begonnen. Von meinem Mitbewohner, einem gepflegt wirkenden Mann, erfahre ich am Morgen, dass er tagsüber arbeitet, sein Lohn aber nicht für eine Wohnung reicht. «Meine Familie lebt in Portugal», sagt mein Zimmergenosse.
«Ich habe hier keine Kontakte.» Zum Frühstück im Speiseraum setze ich mich mit drei Männern an einen Tisch. Einer, nennen wir ihn Jos*, erzählt, dass er anderthalb Jahre in der Nähe von Düdelingen im Wald gelebt habe. «Mit Schlafsack und Zelt», sagt er. «Wir waren eine Gruppe und hatten keine Lust, in einem Heim mit festen Öffnungs- und Schließzeiten zu wohnen.»
Inklusion als Ziel
Wie die Obdachlosigkeit bekämpft werden kann, erklärt Albert Dondelinger, Geschäftsführer von «Caritas Accueil et Solidarité».

REVUE: Welche Auswirkungen hat die Wirtschaftskrise auf die soziale Situation hierzulande?
Albert Dondelinger: Vor allem ist die Arbeitslosigkeit gestiegen. Zurzeit sind mehr als 14.000 Menschen bei der Adem gemeldet. Hinzu kommen mehrere tausend Kurzarbeiter und die vier bis fünf tausend Menschen, die in Beschäftigungsmaßnahmen sind. Nicht zu vergessen ist aber auch, dass viele, die arbeiten, in einem Verdienstbereich von knapp über dem sozialen Mindestlohn liegen. Das Phänomen des «Working Poor» gibt es auch in Luxemburg. Wenn man dies alles addiert, kommt man leicht auf die erschreckend hohe Zahl von über 30.000 Menschen, die armutsgefährdet sind oder in relativer Armut leben. Die Obdachlosigkeit ist ein extremer Teil der Armut, aber nicht der einzige.
Hat die Obdachlosigkeit zugenommen?
Das kann man nicht unbedingt behaupten. Vom Staat wird viel dagegen unternommen. Auch einige Kommunen haben Strukturen aufgebaut, so dass sich die Bekämpfung des Problems besser verteilt. Vielleicht ist ein Anstieg zu verzeichnen, jedoch kein massiver. Die Obdachlosigkeit hat sich verändert. Mehr und mehr junge Leute sind betroffen. Jugendliche bilden mittlerweile ein Drittel der Obdachlosen.
Viele können die hohen Mieten kaum bezahlen. Der soziale Wohnungsbau hinkt international hinterher.
Es werden viele Anstrengungen unternommen. Die genügen jedoch nicht. Das Problem ist komplex. Allein mit dem Bau von Wohnungen ist es nicht gelöst. Gefragt ist die soziale Verantwortung unserer Gesellschaft sowie auch eine sozial verantwortungsvolle Haltung der Betriebe.
Von prekären Wohnsituationen sind vor allem kinderreiche Familien betroffen. Obdachlos sind zumeist Einzelne.
Das liegt unter anderem daran, dass Frauen mit Kindern gleich in einer entsprechenden Struktur untergebracht werden. Viele wenden sich direkt an eine Organisation wie «femmes en détresse». Im Laufe des Jahres kommt vielleicht ein oder zwei Mal jemand mit Kindern in eine Anlaufstelle unseres «réseau de service». Ein wichtiger Teil der Arbeit im Kampf gegen die Obdachlosigkeit besteht darin, unverzüglich zu agieren. Je nach Problemlage versuchen wir die Betroffenen an eine spezifische Vereinigung weiterzuleiten, die in diesem Bereich aktiv ist.
Was ist die erste Anlaufstelle?
Wer von der Straße kommt, für den ist das Foyer Ulysse der erste Schritt. Das Foyer und die daran angegliederte Teestube sind 365 Tage im Jahr geöffnet. Wir versuchen, die Dauer des Aufenthalts dort möglichst kurz zu halten. Bei über 80 Prozent der Personen beträgt sie weniger als zwei Monate, bei über 50 Prozent weniger als eine Woche. Zwischen 1.500 und 1.800 Personen kommen pro Jahr zu unseren Einrichtungen, in unseren Nachfolgestrukturen befinden sich etwa 100 bis 150.
Was geschieht mit den anderen?
Einige tauchen auf, weil ihre Not so groß ist, kommen dann aber vielleicht bei Freunden oder Angehörigen unter oder landen in Zimmern über Cafés. Andere wiederum wechseln in andere Zentren wie «femmes en détresse», «Jugend- an Drogenhëllef» sowie psychiatrische Anstalten. Die Menschen, die längere Zeit bei uns bleiben, vermitteln wir in unsere Beschäftigungseinrichtungen. In Strukturen wie betreutes und begleitetes Wohnen verfügen wir über 79 Plätze. Unser Ziel ist es, die Personen aus der Obdachlosigkeit herauszuführen. Wir leisten Orientierungsarbeit, wollen die Betroffenen nicht in unseren Strukturen zurückbehalten, sondern ihnen helfen, aus ihrer Situation herauszukommen. Ziel unserer Arbeit ist die Inklusion.




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