Glaubenskrieg im Kreißsaal
Natürliche Geburt oder Kaiserschnitt auf Wunsch? Die Debatte um die richtige Technik, mit welcher der Nachwuchs am besten das Licht der Welt erblickt, ist vollends entfacht. Revue beleuchtet die Kontroverse.
Text: Andrea Glos
andrea.glos@revue.lu
Ein Besuch auf Internetforen für junge Mütter und solche, die Nachwuchs erwarten, macht es deutlich: Ein Thema ist derzeit der Dauerbrenner – der Kaiserschnitt auf Wunsch. Hier findet ein verbaler Schlagabtausch statt mit Argumenten wie: «Du bist doch nur zu faul zu pressen» und «Ich will selbst bestimmen, wann und wie ich mein Kind auf die Welt bringen möchte». Aber auch in den Wartezimmern der Arztpraxen, in Geburtsvorbereitungskursen, bei Hebammen und Geburtshelfern und sogar zwischen den Ärzten selbst scheint ein neuer Glaubenskrieg ausgebrochen. Die Fronten heißen «natürliche Geburt» versus «Wunschsectio».
Bekannt wurde der Trend zur geplanten OP durch Prominente wie Liz Hurley, Britney Spears oder Victoria Beckham, die angeblich ihren Kaiserschnitt zwischen zwei Fußballspiele ihres Mannes gelegt haben soll. Die englische Boulevardpresse reagierte darauf mit der berühmten Schlagzeile «Too posh to push», was frei übersetzt so viel bedeutet wie «zu fein zum Pressen». Dagegen wetterten wiederum Befürworter des Kaiserschnitts auf Wunsch mit dem Slogan «Preserve your Love Channel – choose a cesarean» (Schütze deinen Geburtskanal – wähle den Kaiserschnitt).
Was ist passiert? Wie konnte es zu dieser Diskussion kommen? Fakt ist, dass in den letzten 20 Jahren die Anzahl der Kaiserschnitte stark zugenommen hat. In Deutschland beispielsweise kam Anfang der 80er Jahre im Durchschnitt jedes zehnte Kind per Sectio auf die Welt, heute jedes vierte. In Luxemburg sehen die Zahlen ähnlich aus: Ca. 25 Prozent aller Neugeborenen wurden 2009 per Kaiserschnitt geholt, doppelt so viele wie vor 20 Jahren.
Doch lange nicht jede Sectio ist eine so genannte Wunschsectio. Der Großteil hat einen medizinischen Hintergrund. Grundsätzlich wird ein Kaiserschnitt gemacht, wenn für Mutter und Kind eine Gefahr droht. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn das Baby im Mutterleib falsch liegt, bei einer Infektion oder bei einer Mehrlingsgeburt. Hier ist der Eingriff zwar geplant, aber medizinisch indiziert. In der Regel wird ein Kaiserschnitt auf Wunsch zehn bis 14 Tage vor dem Geburtstermin gut vorbereitet vorgenommen. Die meisten Patientinnen erhalten keine Vollnarkose mehr, sondern eine rückenmarksnahe Leitungsanästhesie, eine Periduralanästhesie (PDA) oder Spinalanästhesie. Durch die gute Planung ist ein derartiger Eingriff heutzutage kaum noch mit Risiken für Mutter und Kind verbunden.
Ganz anders hingegen beim Notfallkaiserschnitt. Wenn während eines natürlichen Geburtsvorgangs Komplikationen auftreten, können sich Hebammen und Ärzte für eine Sectio entscheiden – dann muss allerdings alles sehr schnell gehen, meist ist eine Vollnarkose unausweichlich. Dadurch entstehen natürlich auch wesentlich höhere Risiken für Mutter und Kind. Ein Notfallkaiserschnitt ist demnach unter allen Umständen die letzte Lösungsmöglichkeit – darin sind sich Ärzte, Hebammen und Mütter größtenteils einig.
Beim Kaiserschnitt auf Wunsch gehen die Meinungen allerdings stark auseinander. Ob sich die Stimmen von Gegnern und Befürwortern die Waage halten, kann man nicht dezidiert sagen. Dass die Geburten per Kaiserschnitt zugenommen haben, hingegen schon. Ein Grund dafür könnte die demografische Entwicklung sein: Heute entscheiden sich Frauen oft viel später für ein Baby, dadurch steigt ganz automatisch die Zahl der Risikoschwangerschaften. Aber auch die Anzahl der künstlichen Befruchtungen erhöht sich damit, was wiederum zu häufigeren Mehrlingsgeburten führt. Alles Gründe, die bereits eine medizinische Indikation für eine Sectio darstellen.
Auch die Tatsache, dass Frauen heute wesentlich öfter als früher im Berufsleben stehen, spielt bei der Entscheidung für einen Wunschkaiserschnitt eine Rolle – schließlich lässt sich der Termin und das gesamte Umfeld gut vorausplanen. « Bei meinem zweiten Kind habe ich mich bewusst für den Kaiserschnitt entschieden. Aus organisatorischen Gründen, da ein Teil meiner Familie im Ausland lebt», berichtet Rebecca S. Die 35-Jährige hat ihre drei Kinder per Sectio entbunden. Selbstverständlich ist die Angst vor den Wehen und den damit verbundenen Schmerzen bei der Geburt ebenfalls ein Grund, warum sich Frauen für eine Wunschsectio entscheiden. Gegner kontern wiederum mit dem Argument: Bei der natürlichen Geburt hat man die Schmerzen vorher, beim Kaiserschnitt danach. Aber auch bei diesem Argument schießen die Befürworter erneut dagegen. Sie befürchten, dass die Schäden, die bei einer natürlichen Geburt entstehen, größer sein könnten als der Schmerz der Operationswunde. Der Kopf des Babys dehnt Muskeln, Nerven und Bindegewebe beim Austritt aus dem Geburtskanal. Das kann mitunter schwer wiegende Folgen haben. So klagen immerhin 20 Prozent der Frauen nach einer natürlichen Geburt über Harninkontinenz – das heißt sie können die Blase nicht mehr richtig kontrollieren. In selteneren Fällen kommt es durch einen tiefen Dammriss auch zu Darminkontinenz. Dies war der Fall bei der 41-jährigen Nina H.: «Bei der Geburt meiner Tochter vor fünf Jahren sind Komplikationen aufgetreten. Sie blieb praktisch mit der Schulter im Geburtskanal stecken und musste mit brachialer Gewalt und Hilfe der Saugglocke geholt werden. Dabei zog ich mir einen Dammriss zu, mit der Folge einer Stuhlinkontinenz. Trotz mehrerer Operationen in den darauf folgenden Jahren bin ich auf das Tragen von Windeln angewiesen.» Folgeschäden, die das tägliche Leben und nicht zuletzt auch das Sexualleben stark beeinflussen und viele Frauen von einer vaginalen Geburt abschrecken.
Gegen die Wunschsectio spricht das fehlende Geburtserlebnis. Für viele Frauen ist es einer der schmerzhaftesten und gleichzeitig schönsten Momente im Leben, etwas, worauf sie stolz sind und das sie nicht missen möchten. «Ich lehne den Kaiserschnitt auf Wunsch ab», sagt Vera F., die drei Kinder auf natürlichem Weg entbunden hat, «Es fehlt einer Frau dann etwas. Das ist wie in die Flitterwochen fahren, ohne vorher Hochzeit gefeiert zu haben.» Auch den sofortigen Körperkontakt mit dem Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt empfinden sie als wichtig. Er soll die Basis für eine besonders innige Beziehung sein. Experten nennen dieses Phänomen «Bonding». «Die Beziehung zwischen Mutter und Kind wird durch die Hormone, die während der Wehen freigesetzt werden, gestärkt», erklärt eine Luxemburger Hebamme, «Mütter, die einen Kaiserschnitt hatten, haben zudem häufiger Probleme, Liebe für ihr Neugeborenes zu empfinden, da sie aus operationstechnischen Gründen das Baby nicht unmittelbar in den Arm nehmen können.»
Eindeutiger jedoch ist die Tatsache, dass Kaiserschnittkinder zwei bis drei Mal so häufig Atembeschwerden haben als Babys, die auf dem natürlichen Weg geboren worden sind. Der Grund: Bei der OP wird das Fruchtwasser nicht wie beim Geburtsvorgang aus den Lungen des Babys gepresst. Befürworter sind der Meinung, dass der Geburtsvorgang wie eine Massage für das Neugeborene wirkt, was wiederum dessen Immunsystem stärkt. Außerdem soll eine natürliche Geburt das Stillen erleichtern, da die Milch schneller einschießt.
Eine komplizierte Sachlage für werdende Mütter: Die vielen Pros und Contras in der Diskussion machen die Entscheidung zu einer Gratwanderung – doch dafür lässt Mutter Natur der Frau auch neun Monate Zeit. Diese sollte sie unbedingt nutzen, um sich gründlich zu informieren und dann ihre Entscheidung zu treffen. Alle anderen sollten diese dann auch respektieren.
Nachgehakt
Kaiserschnitt - Länger und teurer
Natürliche Geburt oder Kaiserschnitt: Die Entscheidung hat auch Auswirkungen auf die Kosten für die Gesundheitskasse. Deren Präsident Jean-Marie Feider nennt die Zahlen.
Revue: Wie viele Kaiserschnitte gibt es pro Jahr in Luxemburg?
Jean-Marie Feider: In Luxemburg erfolgen jährlich etwa 1.450 Geburten per Kaiserschnitt, 28 Prozent aller Geburten.
Wie viele erfolgen «auf Bestellung»?
Etwa 55 Prozent sind als medizinisch notwendig vorhersehbar, da sie «programmiert» werden. Die restlichen 45 Prozent entsprechen unvorhergesehenen Umständen, wie z.B. Notsituationen.
Was kostet eine natürliche Geburt?
Eine natürliche Geburt kostet etwa 3.200 Euro, zuzüglich Arzthonorare, die unterschiedlich sein können.
Ist ein Kaiserschnitt teurer?
Ein Kaiserschnitt ist etwa 75 Prozent teurer als eine normale Geburt. Der Unterschied ergibt sich insbesondere aus dem längeren Aufenthalt in der Entbindungsstation und aus den Nutzungskosten des OPs. Die durchschnittliche Verweildauer bei einer normalen Geburt beträgt 4,1 Tage, bei Kaiserschnitt hingegen 6,7 Tage.
Zahlt die Gesundheitskasse einen Kaiserschnitt?
Ja, es handelt sich um eine im Leistungskatalog vorgesehene Leistung der Gesundheitskasse.
Übernimmt sie auch einen Kaiserschnitt auf Wunsch?
Die Gesundheitskasse übernimmt die Kosten aller Geburten mit Kaiserschnitt. Der Grund dafür wird nicht erhoben.




del.icio.us
Digg

Postez votre commentaire