Start mit Schwierigkeiten
Trotz hochwertiger Technologie und einer eher harmonischen Zusammenarbeit mit den Milchbauern ist auf dem neuen Standort der Luxlait auf Roost noch längst nicht alles in Butter. Der Milchpreis und die Startschwierigkeiten der Produktionsanlage bereiten der Genossenschaftsmolkerei Sorgen.
Text: Claude Wolf
claude.wolf@revue.lu
Fotos: Ute Metzger, Luxlait
Neugierig nähern sich die schwarz-bunten Kühe den Besuchern. «Komm Bäizi, komm», lockt Bauer Jean Wolter. Er hat nur wenig Erfolg. Die Kühe kennen ihn zwar, bleiben aber auf Distanz. Ein lautes Wort, eine abrupte Geste und sie weichen zurück – trotz der Neugierde. Ihre erste Mahlzeit haben sie an diesem späten Vormittag schon hinter sich, genauso wie die Ruhepause, während der ein Teil des gefressenen Grases wiedergekäut wird. Die Hälfte ihrer Produktion haben die stattlichen Schwarzbunten, die täglich auf rund 25 Liter Milch kommen, bereits abgeliefert. Sie werden nach den Vorgaben der «Fördergemeinschaft Integrierte Landwirtschaft Luxemburg» aufgezogen und stehen den größten Teil des Jahres auf der Weide.
Alle zwei Tage holt der Tankwagen der Luxlait rund 2.000 Liter Milch bei Jean Wolter ab. Diese lagert in einem gekühlten Tank, gleich neben dem Stall. Ein Schlauch wird angeschlossen und der Tankinhalt umgeladen. Bis zu zwölf Betriebe werden im Lauf des Tages angefahren. Ein schneller Gruß, ein paar gekonnte Handgriffe. In wenigen Minuten wechselt das kostbare Gut den Behälter.
An die Luft kommt die Milch nicht. Steril gelangt sie über die Melkanlage in den Tank, genauso sauber wird sie, nach einer ersten Qualitätskontrolle, in den Tankwagen geleitet. Wenn dieser nach seiner Tournee bei der Luxlait andockt, wird er steril wieder geleert. Bevor der Tankinhalt in den Bestand der Genossenschaft einfließt, steht eine neue Laborkontrolle an. Der Rohstoff Milch muss für seine
Weiterverarbeitung einwandfrei sein. Insgesamt wird er sechs Mal kontrolliert. Die Bauern kennen die Auflagen. Die von ihnen angelieferte Milch entspricht nahezu hundertprozentig den europäischen Qualitätsnormen.
Nahezu idyllisch liegt die neue Produktionseinheit der Luxlait – inmitten grüner Felder und grasender Kühe. Milch, Käse oder Joghurt sieht der Besucher jedoch nirgendwo. Es riecht weder nach Sauermilch noch nach Schokomilch oder Eggnog. Kilometerlange blitzblanke Edelstahlrohre bringen die am Eingang in riesigen Tankanlagen aufbewahrte Milch in die einzelnen Abteilungen. Bis zu sechs Tankwagen können dort gleichzeitig an- oder beladen werden. Probieren kann man auch nichts. Allein die Kleidung der Angestellten, weiß für Milch oder grün für Joghurt und Halbflüssiges verrät, was über die jeweiligen Fließbänder läuft.
Wie bei allen Lebensmittel verarbeitenden Unternehmen sind die Hygieneauflagen streng. Berufskleidung und Kopfbedeckung sind Pflicht.
Nicht so recht ins Bild passen da die knapp 100 Männer in blauer Arbeitskleidung. Sie sind Techniker der Firmen, die den neuen Molkereibetrieb eingerichtet haben und seine Inbetriebnahme begleiten. Die Startschwierigkeiten des Werkes, das zwischen September 2009 und Februar 2010 die Produktion aufgenommen hat, sind größer als erwartet. Eine Erklärung ist möglicherweise, dass die Luxlait im Gegensatz zu ihren Konkurrenzbetrieben nicht nur ein einziges Produkt herstellt, sondern von Frischmilch über Joghurt bis hin zu Käse und Butter eine ganze Palette von Milcherzeugnissen verarbeitet. Das bedeutet, dass auf einem Milchfließband sowohl Frischmilch als auch UHT-Milch oder Buttermilch abgefüllt werden können.
Das bringt jedoch mit sich, dass bei der Milchgenossenschaft auf Roost viel öfters als anderswo die Einrichtungen gründlich gereinigt und sterilisiert werden müssen. «Wir sind ein sehr großer Wasserverbraucher», erläutert Verkaufsdirektor Pol Paquet. Täglich etwa 900 Kubikmeter – so viel wie 11.600 Haushalte – benötigt die Molkerei, die deshalb in Bissen eine eigene Kläranlage betreibt.
Der Umzug aus der Hauptstadt und die Abschottung der Produktion sollen jedoch nicht irreführen. Die Luxlait will sich nicht von ihren Kunden entfernen. Im Gegenteil: Ab September soll eine Erlebniswelt ihnen die einheimische Produktion noch näher bringen. Gleich gegenüber der neuen Produktionseinheit entsteht ein so genanntes «Vitarium», das den Besucher auf einer multimedialen, Reise durch die Welt der Milch führt. Insgesamt 45 interaktive Stationen machen naturwissenschaftliche Phänomene und Prozesse rund um die Bereiche Ernährung, Bewegung und Fitness begreifbar. Gespannt sein darf man vor allem auf den Verdauungssimulator. Er wird zeigen, was sich den ganzen Tag über in den drei Mägen von Jean Wolters Milchproduzentinnen abspielt. Außerdem stehen eine Küche für Kochworkshops und Seminarräume zur Verfügung. In der Luxlait-Lounge werden täglich Gerichte mit Milchprodukten angeboten. Viel erwartet die Molkerei von Teambuilding-Aktivitäten. Willkommen sind auch Schulklassen.
Durch einen Tunnel ist das 2.500 Quadratmeter große Bauwerk mit der Molkerei verbunden. Hier bekommt der Besucher Einblick in die Produktion. Drei Stunden dauert der Besuch, bei dem auch ausführlich über Ernährung gesprochen wird. Hintergrund des Projektes ist das zunehmend schwierige Umfeld der einheimischen Produkte. Über die Hälfte der Kunden haben einen Migrationshintergrund, müssen erst einmal an die Luxlait-Produkte herangeführt werden. Einen Werbeetat wie die Konkurrenz hat Luxlait nicht, daher das innovative Konzept, das jährlich rund 70.000 Neugierige aus der Großregion anlocken soll.




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