Gleich, gleicher, am gleichesten
«Ich bin schwul, und das ist gut so», dieser Spruch eines deutschen Politikers dokumentiert das gewachsene Selbstbewussstein von Schwulen und Lesben. Die so genannte Homo-Ehe ist nur die logische Konsequenz davon.
Text: Beatrix Binder
beatrix.binder@revue.lu
D er rosa Glamour lässt noch auf sich warten: Eher unspektakulär geben sich die bisher einzige Regierungschefin der Welt, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, und ihre Lebensgefährtin im Juni dieses Jahres das Jawort. Damit werden Jóhanna Sigurdardóttir und ihre langjährige Partnerin Jónina Leósdóttir das erste Lesben-Ehepaar Islands, dessen Linksbündnis aus Sozialdemokraten und Grüner Bewegung ein dementsprechendes Gesetz verabschiedet hat. Damit ist der Inselstaat das zehnte Land weltweit, das die gleichgeschlechtliche Ehe auf nationaler Basis akzeptiert.
Die so genannte Homo-Ehe ist eine Errungenschaft des 21. Jahrhunderts: Die Niederlande öffneten die Ehe im Jahr 2001. Zuvor gab es dort bereits seit 1998 eingetragene Partnerschaften. Noch früher hat Dänemark bereits 1989 die eingetragene Partnerschaft anerkannt, allerdings ohne Adoptionsrecht. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kommen weitere Länder hinzu, der zeitlichen Reihenfolge nach Belgien (2003), Spanien, Kanada, Südafrika, Norwegen, Schweden sowie Portugal, Island (Quelle: Wikipedia) und zuletzt Argentinien. Hinzu kommen die Bundesstaaten Massachusetts, Connecticut, Iowa, Vermont, New Hampshire und der District of Columbia in den USA sowie Mexiko-Stadt. In Europa sind es lediglich sechs Länder, in denen die «same sex marriage» rechtlich erlaubt ist. 
In Deutschland gibt es bisher trotz einiger Vorstöße nur die rechtliche Institution der Eingetragenen Lebenspartnerschaft, ebenso wie in Frankreich, wo der «Pacte civil de solidarité» (Pacs) seit 1999 möglich ist. In beiden Fällen gibt es kein gemeinsames Adoptionsrecht für homosexuelle Paare.
In einigen Ländern laufen derzeit jedoch konkrete Initiativen, um die Homo-Ehe zu etablieren. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat zwar bis heute gleichgeschlechtlichen Paaren kein Recht auf Eheschließung zuerkannt, seine Rechtssprechung entwickelt sich aber seit Jahren hin zu einer Öffnung. In Finnland wurde vor kurzem ein Regierungsvorhaben zur Homo-Ehe angekündigt, genau wie im Luxemburger Koalitionsabkommen des letzten Jahres. «Wir begrüßen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, da es sich hier um die Abschaffung einer direkten Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung handelt», sagt Nathalie Morgenthaler vom Luxemburger «Centre pour l’Égalité du Traitement». Das Partenariat gibt es hierzulande seit 2004. Nach einer Eurobarometer-Umfrage von Dezember 2006 unterstützen 58 Prozent der Luxemburger Bevölkerung die gleichgeschlechtliche Ehe. Insgesamt 39 Prozent befürworten das Recht gleichgeschlechtlicher Paare, Kinder zu adoptieren.
Obwohl die rechtliche Situation also in einigen Ländern Fortschritte macht, hat sich die Einstellung der meisten Religionsgemeinschaften gegenüber der Homo-Ehe nicht geändert: Nur in wenigen Religionsgemeinschaften wird Homosexualität mittlerweile akzeptiert oder können Homo-Ehen in der Kirche geschlossen werden. In Schweden ist das möglich. Dafür war allerdings ein Beschluss der evangelisch-lutherischen Kirche nötig. In der schwedischen Kirche haben zudem in den letzten Jahren zahlreiche bekennende schwule und lesbische Geistliche Ämter erworben. Eine von ihnen, Eva Brunne, wurde vor kurzem zur weltweit ersten Bischöfin geweiht, die in registrierter lesbischer Partnerschaft lebt. Auch Stockholms jüdische Gemeinde und eine Baptistenkirche haben beschlossen, Schwulen und Lesben die Ehe zu erlauben. 
In anderen Ländern ist man von einer Akzeptanz durch die Kirche weit entfernt: In Spanien hat das Parlament vor fünf Jahren erst gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche und der konservativen Opposition der Homo-Ehe zugestimmt. Seither haben nach Angaben des Nationalen Homosexuellenverbandes (FELGTB) etwa 20.000 schwule und lesbische Paare geheiratet. Spanien ist eines der wenigen Länder der Welt, in denen gleichgeschlechtliche Paare nicht nur eine Ehe schließen können, sondern auch Kinder adoptieren dürfen. In Argentinien, wo die Homo-Ehe seit letzter Woche erlaubt ist, warnt die katholische Kirche, dass Satan persönlich das Gesetz verfasst habe.
Die Ablehnung der Homosexualität in kirchlichen Kreisen geht in manchen Fällen sogar so weit, dass sie für konkrete Katastrophen verantwortlich gemacht wird. Der österreichische Geistliche Gerhard Maria Wagner nannte in seinem Pfarrbrief als möglichen Grund für den Hurrikan Katrina 2005 in New Orleans «geistige Umweltverschmutzung», die er in Zusammenhang setzte mit den dort zerstörten Abtreibungskliniken, Bordellen und Nachtclubs sowie mit dem Hinweis, dass zwei Tage später im French Quarter ein «Gay Pride» hätte stattfinden sollen. Die Reihe solcher Entgleisungen geht jedoch quer durch viele Religionen. Konservative Teile der Bevölkerung wollen zudem in der öffentlichen Akzeptanz der Homosexualität ein Indiz für den Untergang einer Kultur sehen. In vielen muslimischen Ländern steht Homosexualität unter Strafe, bisweilen sogar unter Todesstrafe.
Die Homo-Ehe bleibt also für viele nach wie vor ein Stein des Anstoßes. Auf ungeteilte Begeisterung trifft sie nicht einmal in der Szene selbst: «Mit der Homo-Ehe wird das Zwei-Klassen-System fortgesetzt: Verheiratete Paare erhalten Privilegien, während unverheiratete Paare in fast allen Rechtsbereichen benachteiligt sind», schreibt die lesbische deutsche Autorin Constance Ohms. Die Luxemburger Ex-Abgeordnete Renée Wagener sieht bereits 2004 in einem Interview mit der Revue die Zukunft der Homo-Ehe sehr nüchtern:
«Für homosexuelle Paare hat die Ehe immer noch einen Wert, weil sie eben nicht heiraten können. Würde man sie allerdings öffnen, könnte auch bei ihnen die gleiche Entwicklung eintreten wie bei Heterosexuellen: Mit der Zeit wird weniger geheiratet, und es gibt mehr Scheidungen.» Für viele Schwule und Lesben ist die Homo-Ehe zudem ein Riesenschritt weg vom Exotenstatus, den man in den 80er oder 90er Jahren noch hatte, und nicht selten genoss. Und das alles soll in einer langweiligen Silberhochzeit münden? Vielleicht zieht mit der Homo-Ehe in Zukunft ein wenig mehr rosa Glamour in die Rathäuser ein. Das wird spätestens dann der Fall sein, wenn die ersten Söhne oder Töchter des Hochadels gleichgeschlechtlich heiraten. Oder wenigstens die ersten schwulen Fußballprofis.
«Schutz der Ehe zwischen Frau und Mann»
Prof. Dr. Erny Gillen, Präsident von Caritas Luxemburg und Caritas Europa, promovierter Theologe und Bischofsvikar darüber, wie die katholische Kirche die Homo-Ehe sieht.
Interview: Laurent Graaff
laurent.graaff@revue.lu
Revue: Wie steht die katholische Kirche der gleichgeschlechtlichen Ehe gegenüber?
Erny Gillen: Die katholische Kirche sieht die Zukunft und die Entwicklung der Personen am besten aufgehoben in der ehelichen Gemeinschaft zwischen Frau und Mann. Diese zu fördern und zu unterstützen ist eine Aufgabe, die der Staat einer überlebensfähigen und sich weiterentwickelnden Gesellschaft schuldig ist. Die Liebe zwischen Menschen ist ein wichtiges moralisches Gut, das es gesellschaftlich zu gestalten und zu organisieren gilt. Nicht jede Form der Liebe trägt gleichermaßen zum Allgemeinwohl bei. Wieweit die Pluralität der Lebensformen über die monogame Ehe hinaus wegen des Fortbestands der Gesellschaft einzelner gesetzlicher Regelungen bedarf, ist umstritten. Die Kirche tritt eindeutig für den Schutz der Ehe zwischen Frau und Mann ein. Die Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe ruft terminologische, symbolische und reale Missverständnisse hervor, die die Differenz zwischen Mann und Frau verschleiern und der Beliebigkeit Tür und Tor öffnen.
Ist die Kirche überrascht über diese gesellschaftliche Öffnung?
Unsere aktuelle Gesellschaft entwickelt sich sehr unterschiedlich weiter. Die Widersprüche und Spannungen sind kaum zu übersehen und sollten auch nicht unterschätzt werden. Gibt es auf der einen Seite ein starke Tendenz zur Nachhaltigkeit und einem Leben im Einklang mit den Grenzen der Natur, so steht dieser Haltung auf der anderen Seite eine ebenso starke Tendenz der Überwindung und Negierung dieser Grenzen gegenüber. Die Erwartungen an und der Umgang mit der heutigen Medizin sind ein sprechender Ausdruck für dieses kulturelle Unbehagen, das nicht nur quer durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen und Professionen geht, sondern seinen Niederschlag ebenfalls in den einzelnen Personen selber findet. Die Kirche beteiligt sich ihrerseits vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes an diesen Debatten, die auf unterschiedlichen Wegen versuchen, eine bessere Gesellschaft hervorzubringen.
Welche Position bezieht sie gegenüber dem Knackpunkt Adoption?
Kinder brauchen die Liebe ihrer Eltern und Erzieher, um positiv aufzuwachsen. Dabei bietet die Komplementarität zwischen den Lebenspartnern Raum für eigenständige Entwicklung und Suche nach Identität. Dort, wo Menschen einem Kind ihre Liebe und Aufnahme schenken, ist ein Kind in der Regel gut aufgehoben. Es muss zu seiner eigenen – auch geschlechtlichen Identität – finden, indem es sich an Vorbildern, seinem eignen Körper und seiner Seele orientiert. Hier wird gleichgeschlechtlichen Paaren Mut abverlangt sein, über ihre eigene und gewählte Lebensform hinaus dem Kind auch eine heterosexuelle Zukunft offen zu halten.
Wann werden gleichgeschlechtliche Ehen auch in der katholischen Kirche geschlossen?
Die Ehe wird in der katholischen Kirche Frau und Mann vorbehalten. Sie sind aufeinander angelegt und können in ihrer
gegenseitigen Liebe über sich selber hinaus fruchtbar werden. Dort wo Liebe Leben schenkt, entsteht eine neue Familie. Die Ehe zwischen Frau und Mann ist eine rechtliche Institution, die das Leben und die Liebe für die Zukunft absichern möchte.
Kritiker sagen, Homo-Ehen seien der Untergang der Zivilisation. Teilen Sie diese Ansicht?
Keine Form wahrer Liebe wird zum Untergang der Zivilisation führen. Die Liebe zwischen Menschen kennt viele Ausdrücke. Nicht jeder Ausdruck bedarf desselben Rechtsschutzes. Allerdings ist es Aufgabe der Gesellschaft und der Rechtsordnung, unterschiedliche Formen des Zusammenlebens vor Diskrimination zu schützen. Die Kirche respektiert Menschen, die sich dauerhaft und in Liebe gegenseitig annehmen und unterstützen. Sie kann das Modell gleichgeschlechtlicher Ehe aber nicht als ebenbürtige und gleichgeschaltete Institution neben der einzigartigen Ehe zwischen Frau und Mann anerkennen oder gar fördern. Und sie bleibt der Meinung, dass die angestrebte gesetzliche Gleichschaltung ein falsches Signal ist.
Keine Diskriminierung
Die Herkunftsklausel respektiert laut Justizminister Biltgen das internationale Privatrecht und ist daher keine Diskriminierung.
Interview: Andrea Glos
andrea.glos@revue.lu
Revue: Der Ministerrat hat vorletzte Woche den Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, der homosexuellen Paaren die zivile Ehe ermöglichen soll. Warum gerade jetzt?
François Biltgen: Weil wir das so in der Regierungserklärung vorgesehen haben, und weil ich als Justizminister auch angetreten bin, um Reformen zu machen und zwar so schnell wie möglich. Die Opposition bezeichnet mich als «Turbominister», ich hingegen sehe das als Kompliment.
Wurde der Zeitpunkt so kurz vor der Sommerpause bewusst gewählt, um mögliche Diskussionen elegant im Sommerloch verschwinden zu lassen?
Nein. Denn die Diskussionen fangen ja erst an, wenn das Projekt auf dem Instanzenweg ist. Und es ist auch richtig, wenn über diese Dinge diskutiert wird.
Luxemburg ist das achte Land in der EU, das die Homo-Ehe legalisieren will. Es gibt allerdings Unterschiede in der Gesetzgebung zu Belgien, Dänemark, den Niederlanden, Norwegen, Portugal, Spanien und Schweden...
Was die anderen Länder in ihrer Gesetzgebung verankert haben, interessiert mich nur am Rande. Wir machen Gesetze für Luxemburg. Wenn wir darauf warten würden, dass alle EU-Länder ein Gesetz machen, würde dies zu lange dauern.
Während in Spanien beispielsweise gleichgeschlechtliche Paare auch heiraten dürfen, wenn einer der Partner aus einem Land stammt, in dem die Homo-Ehe verboten ist, sieht der Luxemburger Gesetzesentwurf dies nicht vor. Warum?
Das ist in der Tat eine Frage des internationalen Privatrechts. Wir machen ein Gesetz für Luxemburg und nicht für Europa, und deshalb möchten wir hier auch keine Verwicklungen provozieren.
Hier müssen Sie sich aber den Vorwurf der Diskriminierung auf Grund der Nationalität eines Partners gefallen lassen...
Wenn es denn eine Diskriminierung sein sollte, würde ich mir den Vorwurf gefallen lassen – es ist aber keine Diskriminierung. Weil wir uns hier im nationalen Rechtsraum bewegen und leider keine europäische Vereinheitlichung haben. Wir können uns nicht dem nationalen Recht eines anderen Landes substituieren. Wir machen keine Diskriminierung, wir wenden schlichtweg ganz klar das
aktuelle internationale Privatrecht an.
Ansonsten gelten die gleichen Rechte und Pflichten für homosexuelle Ehen genau wie für heterosexuelle Ehen?
Ja. Absolut.
Die so genannte Vaterschaftsvermutung gilt nicht bei gleichgeschlechtlichen Ehen. Was bedeutet das?
Das bedeutet, dass wir einen Unterschied machen zwischen sozialen Rechten und biologischen Fakten. Ganz klar ist, dass wir nicht vorsehen, dass man durch eine gleichgeschlechtliche Heirat übertragener Weise Vater oder Mutter eines Kindes eines anderen Partners wird. Man kann aber Ansprüche einer Elternschaft erwerben, indem man das Kind adoptiert. Somit ist die Elternschaft im Paar hergestellt.
Was genau sieht das Gesetz vor, wenn ein gleichgeschlechtliches und verheiratetes Paar ein Kind adoptieren will?
Das Gesetz sieht die «adoption simple» vor, das heißt die Bindungen zu den biologischen Eltern werden nicht abgebrochen, es kommen noch weitere Eltern hinzu. Bei der «Volladoption» werden biologische Eltern durch juristische ersetzt, dies ist in gleichgeschlechtlichen Ehen nicht vorgesehen.





del.icio.us
Digg

Postez votre commentaire