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Der Knochenjäger

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Es sieht verblüffend einfach aus: Mit einer ruckartigen Handbewegung renkt der Chiropraktiker Louis Stephany die Wirbel seiner Patienten wieder ein. Hinter der kurzen Manipulation steckt jedoch ein jahrelanges Studium.

An einem Morgen vor vier Jahren fing es an: Beim Aufstehen verspürte Catherine Barboni plötzlich einen stechenden Schmerz im Nackenbereich. «Der Schmerz war fast nicht auszuhalten», erinnert sie sich. «Der ganze Oberkörper tat weh, ich konnte mich nicht selbst anziehen, meine Arme nicht mehr heben. Es war furchtbar.» Der Gang zum Arzt und die darauf folgende Röntgenaufnahme bestätigten ihren Verdacht. Ein Nerv an der Wirbelsäule hatte sich eingeklemmt, da einer der Wirbel nicht an seinem ursprünglichen Platz war. Es folgte eine medikamentöse Behandlung mit Spritzen, die den Nerv entspannen sollen. Das half in Catherine Barbonis Fall nur bedingt: «Immer wieder trat das gleiche Problem auf, zudem waren die Spritzen äußerst schmerzhaft.» Auf der Suche nach einer Alternative stieß die Patientin dann auf den Chiropraktiker im belgischen Grenzgebiet. Er stellte anhand der Röntgenbilder die richtige Diagnose. «Anfangs war ich skeptisch, hatte auch Angst», gibt sie zu, «doch nach einigen Behandlungen trat eine deutliche Besserung ein, ohne Spritzen und ohne Operation.» Jetzt muss sie lediglich alle drei Monate zur Kontrolle. Bei solch einer Untersuchung sind wir nun dabei. Zunächst tastet der Therapeut den Schulter- und Nackenbereich der Patientin ab, dann bittet er sie, sich auf eine spezielle Liege zu legen. Er fährt mit seinen Händen die Wirbelsäule auf und ab, dreht den Kopf zur Seite, und mit einem unerwarteten, aber heftigen Ruck renkt er den Wirbel wieder ein. Das Ganze geht derartig schnell, dass man mit bloßem Auge die eigentliche Bewegung gar nicht nachvollziehen kann. Nur das laute und unmissverständliche Knackgeräusch – das nichts für zimperliche Ohren ist – zeugt deutlich von der Manipulation. Die erschrockenen Beobachter werden sofort beschwichtigt: «Das hört sich nur schlimm an», versichert die Patientin. «Das Einrenken ist aber überhaupt nicht schmerzhaft.»
«Einrenken» ist der umgangssprachliche Begriff, die Chiropraktiker hingegen nennen dies «Justierung einer Subluxation». Der Begriff «Chiropraktik» selbst stammt aus dem Griechischen und bedeutet «mit den Händen
ausführen». Dies beschreibt auch gleich die wichtigste Tätigkeit des Chiropraktikers: Die manuelle Behandlung von Gelenken, vor allem im Wirbelsäulenbereich und der Muskulatur. Die chiropraktische Behandlungsmethode ist bereits vor mehr als 2.000 Jahren im alten Ägypten und im antiken Griechenland angewandt worden. Die moderne Chiropraktik geht zurück auf den Amerikaner Daniel David Palmer, der 1895 ihre Grundlagen festgelegt hat.
Nach seiner Lehre werden die meisten Krankheiten auf eine Fehlstellung oder Einklemmung der Wirbelgelenke zurückgeführt. Die zwischen den Wirbeln austretenden Nerven führen zu den inneren Organen, dem Bewegungsapparat und Sinnesorganen. Wird eine Verbindung durch ein verschobenes Gelenk beeinträchtigt, ist auch die Leitfähigkeit des Nervs nicht mehr optimal gewährleistet. Der Chiropraktiker richtet die verschobenen Wirbelgelenke mit speziellen Handgriffen ein und stellt so die Leitfähigkeit des betroffenen Nervs wieder her.
Dazu ist eine ausführliche Diagnose grundlegend. «Für den ersten Besuch bei mir sollte der Patient entsprechend viel Zeit mitbringen», erklärt Louis Stephany. Zuerst wird die Krankengeschichte aufgenommen. Nach einer detaillierten Befragung folgt die klinische Untersuchung mit orthopädischen und neurologischen Methoden, oft aber auch mit Blut- und Urinuntersuchungen sowie Röntgenbildern. Auf diese Art entsteht eine präzise Diagnose. Der Chiropraktiker wehrt sich auch heftig dagegen, die Methode als paramedizinisches Verfahren abzutun: «Die Universitätsausbildung ist beispielsweise in England oder in der Schweiz auf eine Zeit von acht Jahren festgelegt. Wir haben ein fundiertes anatomisches und medizinisches Wissen.» Das braucht ein Chiropraktiker auch unbedingt, denn eine nicht fachgerechte Manipulation kann schwer wiegende Konsequenzen haben. Im schlimmsten Fall sogar zu einer Querschnittslähmung führen.
Ob dies der Grund ist, warum die Behandlung bei einem Chiropraktiker in Luxemburg nicht anerkannt und von Krankenkassen auch nicht zurückerstattet wird, sei dahin gestellt. Die Patienten von Louis Stephany jedenfalls können das nicht nachvollziehen, zumal die Methode von der Weltgesundheitsorganisation offiziell anerkannt wurde. Catherine Barboni ist begeistert von den Resultaten: «Mir geht es jetzt gut, ich brauche weder Medikamente noch eine kostspielige Operation.»
Auch René Kreins ist von der chiropraktischen Methode überzeugt. Der gelernte Bäcker stand vor der Entscheidung, sich «unters Messer» legen zu müssen. Ein Wirbel im Beckenbereich war zurückgerutscht und hatte einen Nerv gequetscht. Die Folge: Er hatte Lähmungserscheinungen im Bein, konnte weder sitzen noch stehen. Unters Messer kam er nicht, dafür aber auf die Bank des Chiropraktikers, von dem er behauptet, er sei ein Chirurg ohne Messer. Wunder kann aber auch Louis Stephany nicht vollbringen. Er gibt sich
realistisch: «Knochenbrüche, schwere Osteoporose oder eine extreme Deformation der Wirbel kann ich selbstverständlich nicht heilen.» In manchen Fällen ist auch seines Erachtens ein operativer Eingriff unumgänglich, wenn nach zehn Behandlungen keine Besserung eintritt.
Letztendlich liegt die Entscheidung für oder gegen eine chiropraktische Behandlung wie immer beim Patienten. Als Ergänzung zur schulmedizinischen Therapie scheint sie aber durchaus effizient.

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