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«Ich hab da mal was vorbereitet»

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Die Meldung, dass er mit 74 Jahren noch einmal Vater wird, hat Schlagzeilen gemacht. Doch eigentlich passt es zu dem notorischen Ruhestandsverweigerer Jean Pütz, dem biologischen Alter ein Schnippchen zu schlagen.

Interview: Beatrix Binder

beatrix.binder@revue.lu
Fotos: Thierry Martin, Patrick Galbats, Jochen Herling, privat

Revue: Die Nachricht, dass Sie mit 74 noch einmal Vater werden, hat viel Staub aufgewirbelt...

Jean Pütz: Das ist richtig, die Zeitungen in Deutschland waren voll davon. Sogar die Bild-Zeitung hat darüber berichtet, ohne je darüber mit mir gesprochen zu haben. Sie hat behauptet, meine Frau würde die Pille nicht vertragen – das stimmt gar nicht. Schreiben Sie unbedingt, dass kein Viagra im Spiel war, dass es ohne Nachhilfe passiert ist – nur mit Fantasie und viel Liebe.

Wie haben Sie selbst reagiert, als Ihre Frau mit der Neuigkeit kam?
Zuerst habe ich es selbst nicht geglaubt, weil ich mich nicht mehr für zeugungsfähig hielt. Doch meine Frau war überzeugt davon, und als dann der Schwangerschaftstest positiv war, haben wir uns riesig gefreut.

War es also für Sie beide ein Wunschkind?

Auf jeden Fall. Das Kind einer großen Liebe, die vor zwölf Jahren begann, als wir uns in Sylt auf einer Feier eines meiner Freunde kennen gelernt haben. Meine Frau Pina war damals engagiert, um als orientalische Tänzerin aufzutreten. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Ihre Frau war damals 29, Sie selbst 61. Ein Jahr danach kam ihr erstes gemeinsames Kind auf die Welt, Jean Adriano. Schon damals waren Sie ein später Vater. Stimmt es, dass man sich dann mehr um das Kind kümmert?
Liebe auf den ersten Blick: Jean Pütz mit seiner Frau Pina Coluccia, einer ausgebildeten orientalischen Tänzerin und Sohn Jean Adriano, heute elf Jahre alt.
Ja, das stimmt, schon allein deshalb, weil man viel mehr Zeit hat, sich um das Kind zu kümmern.

Haben Sie keine Angst, dass das Kind nicht gesund zur Welt kommen könnte?

Wir haben bewusst keine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen. Die moderne Ultraschalltechnik ist so hoch entwickelt, dass alles zu erkennen ist, Herz, Füße, Hände – es ist alles dran. Es stimmt außerdem nicht, dass die Erbgutinformationen älterer Väter nicht mehr so gut sind. Ein führender Mediziner auf diesem Gebiet hat mir bestätigt, dass Spermien nicht altern, wenn sie ständig frisch produziert werden (schmunzelt).

Wie haben Ihre anderen Kinder reagiert?

Mein ältester Sohn Jörn, der bereits 50 Jahre alt ist und als Professor für Biochemie in Frankreich lebt, hat mir ganz lieb geschrieben. Unser Jüngster hat es erst mal nicht geglaubt, bis ihn seine Mutter zum Frauenarzt mitnahm und der ihm per dreidimensionalem Ultraschall das kleine Schwesterchen gezeigt hat. Jetzt kann er den Geburtstermin im Oktober gar nicht mehr erwarten.

Wird Ihr Sohn darauf angesprochen, dass sein Vater schon ein gewisses Alter hat?

Meine Frau und ich haben nie explizit mit ihm darüber gesprochen. Einmal hat jemand zu ihm gesagt, ich sei ja schon ziemlich alt. Worauf er geantwortet hat, dass sein Vater der älteste Mann auf der Welt werden wird (schmunzelt). Da musste ich erst mal darüber mit ihm reden, dass das gar nicht mein Ziel ist.

Haben Sie keine Bedenken, ihr jüngstes Kind nicht so lange begleiten zu können wie andere Väter?
Es gibt auch viele jüngere Väter, die früh sterben oder ihre Familie verlassen. Außerdem halte ich mich fit, fahre schon seit meiner Jugend Fahrrad und habe, weil ich immer gesund gelebt habe, eine gute Konstitution. Ich halte mich an das Kölner Sprichwort «et hätt noch emmer joot jejange». Für die Familie vorsorgen muss man natürlich, das ist klar. Ich habe in den letzten Jahren ein altes Landhaus in ein Null-Energie-Haus umgebaut: Mit einer dicken Dämmung, Photovoltaik, Thermosolaranlage, Regenwasserrück-gewinnung, einem Teich und ökologischen Obstwiesen. Dabei sind wir auf keine externe Energie angewiesen und völlig autark. Wenn das Kind auf der Welt ist, werden wir dorthin umziehen. Bis dahin wohnen wir in unserem Stadthaus in Köln.

Wie war Ihre eigene Kindheit?

Ich habe als Siebenjähriger in Köln im Juni 1943 einen der schlimmsten Bombenangriffe auf Deutschland überlebt. Und das nur, weil ich mit Vater und Mutter in ein Kellerverlies der Brauereigaststätte meines Vaters geflüchtet bin, wo er zwei politisch verfolgte Bekannte versteckt hatte. Bis dorthin konnten sich die durch Brandbomben freigesetzten Phosphordämpfe nicht ausbreiten. Als wir hochkamen, habe ich nur Leichen gesehen, inklusive der toten Pferde einer nahe gelegenen Kutschenstation. Damals gab es noch keine psychologische Betreuung. Was ich damit sagen will ist, dass mich diese Erfahrung geprägt hat und ich dadurch ein unverbesserlicher Optimist geworden bin. Und jemand, der sich aktiv in der Friedensbewegung engagiert, weil ich es meinen Kindern ersparen möchte, das zu erleben, was ich erlebt habe.

Wie stark ist Ihre Bindung an Luxemburg?

Vergangene Zeiten: Jean Pütz vor 32 Jahren mit einem Kamerateam des WDR vor der Villa Louvigny.Sehr stark. Ich bin in Remich aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dort hatte meine Großmutter ein Geschäft, in dem sie Farben, Tapeten und Bodenbeläge verkauften. Als Kind musste ich damals Linoleum schneiden. Meinem Großvater Jean Mohr soll ich wie aus dem Gesicht geschnitten sein. Meine Schwester lebt heute noch in Remich, und ich besuche sie alle sechs bis acht Wochen. Ich würde auch gerne meine alten Klassenkameraden von der Handwerkerschule einmal sehen.

Welche Staatsbürgerschaft haben Sie eigentlich?

Im Herzen bin ich Luxemburger, obwohl ich lange schon in Deutschland lebe und die doppelte Staatsbürgerschaft besitze. Als der deutsche Finanzminister Steinbrück Luxemburg wegen seiner Steuerpolitik attackierte, hat mich das sehr aufgeregt. Ich habe empört an zwanzig deutsche Politiker geschrieben und mich über diese peinlichen Äußerungen beschwert. Sie haben auch alle geantwortet. Ich selbst habe mich bei den letzten Wahlen für schwarz-gelb eingesetzt, weil ich ein großer Feind des Faschismus bin und auf jeden Fall «die Linke» in Deutschland verhindern wollte.

Hatte Ihr Großvater auch solch einen markanten Schnauzbart?

(lacht) Ja, den hatte er, und er war auch so lebenslustig wie ich. Ich selbst habe als Jugendlicher gern weite Radtouren unternommen, von denen ich immer mit Bart zurückkam. Meine Eltern wollten dann immer, dass ich mir den abrasiere. Das habe ich zwar widerwillig gemacht, den Schnauzbart aber aus Protest immer stehen lassen. Nur einmal, zum Ingenieursexamen, habe ich mich schweren Herzens davon getrennt. Für mich hat so ein Bart eine pädagogische Dimension: Wer es erträgt, ewig deswegen gefoppt zu werden, hält auch Schlimmeres aus. Ich liebe es jedenfalls, Individualist zu sein. Und meine Frau liebt ihn auch. Für sie ist ein Kuss ohne Bart wie ein Ei ohne Salz.

Alt werden ist nichts für Feiglinge, heißt ein Sprichwort. Wie stehen Sie dazu?

Ich glaube, dass das Gehirn nicht altert. Es sei denn, es wird vernachlässigt. Nichtstun ist Gift für Körper und Geist. Deshalb bin ich auch ein Ruhestandsverweigerer: Ich habe mein Leben nicht geändert, seit ich mich aus der «Hobbythek» zurückgezogen habe. Mit der «Pützmunter-Show» toure ich durch In- und Ausland und bin auch demnächst wieder in Luxemburg, in Dippach. Dabei lerne ich viele interessante Menschen kennen. Da bleibt keine Zeit, um alt zu werden.


Jean Pütz in seinem Element: Mit sprichwörtlich feurigen Experimenten, wie zuletzt in der Privatschule «Fieldgen», bringt er Groß und Klein zum Staunen.


BIOGRAFISCHES
Sein Lebenslauf dokumentiert die ständige Lust auf Neues, die Jean Pütz umtreibt. Für ihn das beste Anti-Aging-Rezept.

 Geboren am 21. September 1936 in Köln als erstes von drei Kindern. Der Vater war Deutscher, wurde aber nicht eingezogen, weil er als Kind Tuberkulose hatte. Er führte bis in den Zweiten Weltkrieg  hinein eine Brauereigaststätte in Köln. Das Kriegsende erlebte Pütz in Luxemburg, wo er in Remich die Primär- und Oberprimärschule besuchte.
 Von 1952 bis 1955 Besuch der «École des arts et métiers» in Luxemburg mit dem Abschluss als Elektromechaniker. Dort wurde Pütz geprägt durch seinen Lehrer Camille Dieschbourg, der ihm das Prinzip von Ursache und Wirkung nahe brachte.
 Ein Jahr Tätigkeit als Betriebselektriker bei der Arbed in Esch-Belval.Der erfolgreiche Hobbythek-Moderator vor 32 Jahren: Nur die Haare sind grauer geworden.
 1956 bis 1959 Studium zum Diplomingenieur der Nachrichtentechnik in Köln.
 1960 bis 1964 Studium der Physik und Mathematik für das höhere Lehramt in Köln.
 1964 bis 1968 Referendarzeit und parallel Studium der Soziologie und Volkswirtschaft mit Schwerpunkt Mediensoziologie, gleichzeitig schon Tätigkeit als freier Journalist.
 Ab 1970 Festanstellung beim Westdeutschen Rundfunk mit der Chance, die Redaktion Naturwissenschaft und Technik aufzubauen.
 Aus seiner Idee für eine Elektronik-Bastelsendung entsteht 1974 die WDR-Sendereihe «Hobbythek», mit der er deutschlandweit zum Publikumsliebling wurde. Der bekannteste Spruch daraus «Ich hab da mal was vorbereitet» wird heute noch zitiert. Aus dem Angebot von schriftlichem Begleitmaterial zur Sendung entstehen rund 80 Bücher. Es folgen rund 350 «Hobbythek»-Sendungen, bis 2004.
 Gleichzeitig entwickelt Pütz das neue Format der Wissenschaftsshow, und wird zum Förderer von Ranga Yogeshwar, der daraus «Quarks & Co.» macht.
 Ab 1989 übernimmt Pütz die ARD-Sendereihe «Bilder der Wissenschaft».
 Ab 1997 Entwicklung eines Umweltmagazins mit dem Namen «Dschungelleben und leben lassen».
 Ab 2001 offizieller Ruhestand, trotzdem weiter freie Mitarbeit bei «Hobbythek» und «Dschungel».
 Seit 2006 tourt Jean Pütz mit der«Pützmunter»-Show durch In- und Ausland, mit dem Ziel, naturwissenschaftliche Inhalte durch verblüffende Experimente verständlich zu machen.

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 Mehr Infos unter www.jean-puetz.net

Späte Väter
Pablo Picasso (1881-1973), berühmter Maler, bekam von Françoise Gilot im Alter von 66 Jahren noch Sohn Claude, zwei Jahre später folgte Tochter Paloma. Aus einer früheren Ehe hatte er bereits einen erwachsenen Sohn.
Charlie Chaplin (1889-1979), britischer Schauspieler, Komiker und Regisseur, heiratete 1943 seine große Liebe Oona, mit der er als über Fünfzigjähriger noch acht Kinder bekam. Zwei weitere Söhne stammen aus einer früheren Ehe.
Anthony Quinn (1915 bis 2001), US-mexikanischer Filmschauspieler, bekannt durch «Alexis Sorbas», bekam mit seiner dritten Frau im Alter von 79 und 81 Jahren noch zwei Kinder. Aus zwei früheren Ehen hatte er bereits acht Kinder. Von
seinen späten Vaterfreuden hat er allerdings nicht viel gehabt: Er starb 2001.
Julio Iglesias (geb. 1943) hat acht Kinder gezeugt. Der jüngste Spross, Sohn Guillermo, kam 2007 zur Welt, als der Papa bereits 63 Jahre alt war.
Franz Beckenbauer (geb. 1945) wurde als fortgeschrittener Fünfziger noch einmal zweifacher Vater von seiner dritten Frau Heidi Burmester. Aus früheren Ehen bzw. Beziehungen hatte er bereits drei erwachsene Söhne.
Michael Douglas (geb. 1944), US-Filmschauspieler, hatte mit seiner ersten Frau Diandra bereits einen erwachsenen Sohn, bevor er in zweiter Ehe mit Catherine Zeta-Jones im Jahr 2000 noch einen Sohn und 2003 noch eine Tochter bekam.

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 Bitte melden: Jean Pütz würde gern seine ehemaligen Klassenkameraden von der Handwerker-schule wiedersehen. Wer Interesse hat, kann sich bei der Revue melden, Tel. 498181-310 (Beatrix Binder) oder e-Mail: beatrix.binder@revue.lu

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