Weil ich Anarchist bin...
Es sollte ein Gespräch über sein neues Buch werden und wurde eine Diskussion über Politik, Gesellschaft, Menschen und Leben. Egal wie man ihn einschätzt, Me Gaston Vogel lässt niemanden gleichgültig. Das ist es wohl auch, was er anstrebt.
Text: Romain Meyer
romain.meyer@revue.lu
Fotos: Thierry Martin
Revue: Ihr neues Buch kommt einem wie eine Abrechnung mit dem Justizapparat vor.
Gaston Vogel: Es ist keine Abrechnung, sondern eine Bestandsaufnahme mit allen Höhen und Tiefen von einer Institution, die das Nervenzentrum der Gesellschaft darstellt. Die Justiz birgt viele Gefahren, nicht für den Körper, sondern für das Zivilleben eines Bürgers. Es gibt Menschen, die zwanzig Jahre nach einem Prozess immer noch depressiv sind. Demütigungen des Bürgers durch die Justiz ertrage ich nicht.
Wenn es keine Abrechnung ist, sehen Sie dann «Dans la tourmente judiciaire» als Ihr Vermächtnis an?
Auch nicht. Es ging mir einfach darum, Angelegenheiten zu kommentieren, die mir heute noch Magengeschwüre bereiten. Sachen, die so schlimm sind, dass ich nicht zulassen kann, dass sie in der Versenkung verschwinden.
Was verursacht Ihnen das größte Geschwür?
Der Skandal um die Bauernzentrale und die Jahrhundertaffäre, in der sogar ein Zeuge ausgegraben wurde, auf den Polizeikommissar Georges Rauchs geschossen haben soll. Dann wollte das Parlament ein Gesetz erlassen, um Telefonabhörungen retroaktiv zu legalisieren. Der Generalstaatsanwalt und die Polizei erzählten schließlich die ganze Geschichte dem KP-Abgeordneten René Urbany. In dessen Bericht ist alles nachzulesen – das heißt nichts, denn die Akte war leer.
Es heißt, die Jahrhundertaffäre sei totgeschwiegen worden, weil die Abhörungen als illegal erklärt wurden.
Der Lauschangriff war rechtswidrig! Ein Anwalt, der das nicht im Sinne seines Klienten genutzt hätte, müsste die Honorare zurück zahlen und gezwungen werden, seinen Beruf an den Nagel zu hängen.
Wie würde die Angelegenheit heute ausgehen?
Genau wie damals! Das Ganze resümiert sich auf einen Konflikt zwischen Polizei und Gendarmerie mit als Hintergrund einem eifersüchtigen Gendarmen, der Rauchs in die Pfanne hauen wollte.
Reibereien zwischen Polizei und Gendarmerie? Das klingt wie beim Bommeleeër.
Auf die Terroranschläge der 80er Jahre will ich nicht eingehen, da ich als Anwalt in der Angelegenheit befangen bin. Ich nehme an, diese Affäre geht 25 Jahre danach aus wie das Hornberger Schießen. Das allein beweist, wie krank unser Staat ist.
Sie werden als Idealist bezeichnet, dem die «sûreté» des Bürgers am Herzen liegt. Was heißt das?
Ich bin kein Idealist, sondern Realist und Pessimist. Mit «sûreté» meine ich die Rechtssicherheit, die elementaren Rechte der Bürger. Der Staat versucht dauernd, den Einzelnen zu bevormunden. Die Invasion des Staates in das Private kann ich nicht dulden. Ein solches Recht ist es, als Anwalt einem Zeugen in die Augen schauen zu dürfen. Deshalb habe ich Friedens Absicht, den anonymen Zeugen einzuführen, bekämpft. Mit Erfolg!
Die Gesellschaft lässt Gaston Vogel nicht gleichgültig - er lässt die Öffentlichkeit nicht gleichgültig.
Minister Luc Frieden setzt sich auch beim Bankgeheimnis dafür ein, dass der Staat nicht im Privatleben der Bürger schnüffelt.
Das tut Frieden nicht den Menschen zuliebe, sondern um den Finanzplatz zu retten. Er hat Recht, der Finanzplatz lebt vom Bankgeheimnis, und die Wüste Luxemburg lebt vom Finanzplatz. Wir sind ein äußerst armes Land, ohne Bodenschätze, ohne Stahlindustrie – denn Mittal verlässt Luxemburg wohl bald. Wir haben kein Handwerk, nur einen Sumpf von Angestellten und Beamten. Das ist eine erbärmliche Gesellschaft, die nur vom Dienstleistungssektor lebt. Und nun droht gerade dieser Sektor unterzugehen.
In Ihrem Buch widmen Sie Herrn Frieden ein ganz anderes Kapitel...
Ich widme ihm sogar mehrere Kapitel. Frieden gefällt mir nicht, man sieht ihm an, dass er keine Lebensfreude empfindet. Ce n’est pas un homme de plaisir! Er ist ein echter Bushianer, nicht entspannt.
Sind es nicht seine Überwachungskameras, die Sie stören?
Die gehören zur Person. Den Big Brother konnte ich ihm zum Glück teilweise kaputtmachen. Das beweist: Es genügt, wenn einige Menschen sich gegen Unrecht wehren – sie müssen bloß gut vorbereitet sein. Auch den anonymen Zeugen konnten wir als Minderheit verhindern.
Sie mögen Politiker nicht?
Unsere Politiker stellen nichts dar, sie haben keine Substanz, sind Dummschwätzer. Leute wie Gaston Thorn, Robert Krieps, Georges Margue, Tony Biever, die hatten Format. Von den Lebenden fällt mir nur noch Colette Flesch ein.
Ist es Zufall, dass Sie nur Anwälte nennen?
Juristen fehlen an den politischen Schalthebeln, deshalb werden derart schlechte Gesetze verabschiedet. Rechtsanwälte haben durch ihre Ausbildung die besten Voraussetzungen zur Gesetzgebung, nur sie haben den Überblick. Eigentlich bewundere ich Politiker, die von nichts eine Ahnung haben und bei allem mitreden. Politik scheint der Beruf derjenigen zu sein, die nicht fähig sind, einen anderen auszuüben. Wo haben die bloß ihre Kultur her?
Das hört sich arg elitär an!
Ist es auch! Ein Parlament muss elitär sein. Was dort beschlossen wird, geht die ganze Gesellschaft an, da dürfen keine Idioten ans Werk.
Dann müssten wir das Zensuswahlrecht wieder einführen...
Nein, aber das Volk muss gebildet werden und dafür sorgen, dass die Politiker die Gesellschaft wieder respektieren, und nicht Politik zuerst für sich selber machen.
Gilt das speziell für Luxemburg?
Als junger Anwalt schwänzte ich in der Kanzlei, um die Rededuelle zwischen Herbert Wehner und Rainer Barzel im deutschen Bundestag vor dem Fernseher zu verfolgen. Das war kolossale Rhetorik. Die hatten eine Bildung und Charisma, wie es sie heute nirgends mehr gibt.
Warum haben Sie nie Politik gemacht?
Weil ich Anarchist bin. Ich mag die Macht nicht und weigere mich, daran teilzunehmen.
Dann dürfen Sie auch nicht meckern, wenn andere für Sie entscheiden. Gehen Sie wählen?
Ich gehe in die Wahlkabine, entscheide mich aber immer nur für einige wenige Kandidaten, die mir gefallen.
Beschreiben Sie bitte, wie eine Gesellschaft, die nur aus solchen wie Ihnen besteht, aussehen soll...
(lacht) In einer solchen Gesellschaft würde es derart brodeln, dass überhaupt nichts dabei herauskommt...
Sie gelten als jemand, der seine Meinung ohne Umschweife sagt. Schmeichelt Ihnen das?
Weshalb sollte es? Vielmehr finde ich es traurig, dass überhaupt auffällt, wenn jemand seine Meinung sagt.
Sie gelten auch als jemand, der glaubt, immer Recht zu haben. Wer das behauptet, der kennt mich nicht. Ich gehe sehr kritisch mit mir selber um und stelle mich stets in Frage. Aber wenn ich angreife, bin ich vorbereitet. Dann habe ich Recht!
Sie polarisieren und sind gleichzeitig Anhänger asiatischer Philosophien, die eher als pazifistisch gelten. Passt das zusammen?
Das Argument kenne ich! Auch wenn ich ein Buch über den Buddhismus geschrieben habe, dann bin ich noch lange kein Buddhist. Ich habe sogar ein kritisches Buch über das Christentum geschrieben, mit dem ich beileibe nichts am Hut habe. Ich definiere mich philosophisch als Taoist, das hat mit Religion nichts zu tun.
Und wie steht es mit dem Polarisieren und der Toleranz?
Jeder ist nur tolerant gegenüber Sachen, die ihm gleichgültig sind. Wenn einem etwas am Herzen liegt, beginnt die Intoleranz.
Warum geben Sie Ihr Buch gerade jetzt heraus?
Ich bin jetzt seit 48 Jahren Rechtsanwalt und weiß nicht, ob ich bei meinem 50. Berufsjubiläum noch da bin, um meine Anliegen niederzuschreiben.
Wollen Sie sich zur Ruhe setzen?
Zur Ruhe darf ich mich nicht setzen. Meine Frau ist vor zwei Monaten unter dramatischen Umständen gestorben und ich komme nur durch die Arbeit darüber hinweg.
Sind Sie mit Ihrem Lebenswerk zufrieden?
Was heißt Lebenswerk? Das Leben ist doch eine totale Absurdität. Der kurze Nachmittag, den es darstellt, vergeht im Nu. Es gibt in diesem kurzen Leben positive und negative Ereignisse. Auf diese Augenblicke fixiert sich der Mensch, und wenn er nicht mehr da ist, spricht niemand mehr davon. Ob es den Vogel gibt oder nicht, ist scheißegal.
Was ist, wenn dieser kurze Nachmittag vorüber ist?
Ein schwarzes Loch! Es ist für mich eine Wonne zu wissen, dass nach dem Tod überhaupt nichts kommt. Um dem Tod zu entrinnen, hat sich der Mensch zwei Prothesen beschafft: die Seele und Gott. Beide erlauben ihm, nach dem Tod weiterzuleben. Was ist die Psyche, was ist Gott? Ich brauche sie nicht.
Sind Sie dennoch froh, Mensch zu sein?
Der Mensch ist im zoologischen Garten Erde die fürchterlichste aller Kreaturen, sozusagen die allerletzte Sau. Das beweisen nicht zuletzt zwei Jahrtausende Christentum, die nicht verhindert haben,
dass im 20. Jahrhundert sechs Millionen Juden und eine Million Zigeuner in den Gaskammern umgebracht wurden. Und die Kriege hören nicht auf. Warum ist der Mensch so? Das ist das Geheimnis des Lebens, das mich interessiert.
> Gaston Vogel: «Dans la tourmente judiciaire de 1962 à ce jour – Grandeurs et misères au temple de Thémis», 200 Seiten, 28 Euro.
Eine zweite Auflage des Werkes ist im Druck und wird voraussichtlich Mitte nächster Woche im Buchhandel erhältlich sein.





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Est-ce qu'on doit lire celà ??
Je ne crois pas.
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